Der Granatapfel

Ein echter Exot ist er – der Granatapfel – der seit rund fünftausend Jahren Denker, Künstler, Götter und Liebespaare in seinen Bann zieht und in Griechenland seine ganz besondere Bedeutung auch zum Jahreswechsel hat.
Auf der Peloponnes geht die Familie am frühen Neujahrsmorgen zur Messe in die Kirche. Der Vater bringt einen Granatapfel mit, damit dieser gesegnet wird. Wenn die Familie nach Hause zurückkehrt, betritt der Vater als Erster das Haus, und zwar mit dem rechten Bein voran. Dann wirft er den Granatapfel so kraftvoll genug auf den Boden, sodass dieser zerbricht und sich seine Kerne überall verteilen. Zur gleichen Zeit wünscht er:

Das neue Jahr soll uns Gesundheit, Glück und Freude bringen und unsere Taschen sollen das ganze Jahr mit so viel Geld wie der Granatapfel mit Kernen gefüllt sein!

Angelehnt an diesen, am Peloponnes als «Το σπάσιμο του ροδιού» bekannten Brauch gibt es auch einen typischen Neujahrswunsch in Griechenland:

«Με υγεία, ευτυχία και χαρά το νέο έτος κι όσες ρώγες έχει το ρόδι, τόσες λίρες να έχει η τσέπη μας όλη τη χρονιά!»

Den Granatapfel findet man immer wieder bei unterschiedlichsten Anlässen in Griechenland und sehr häufig auch bei Hochzeiten in unterschiedlichen Varianten, die von Insel zu Insel sehr unterschiedlich ausfallen können. Wer einmal (oder öfter) die Chance hat, zu einer solchen Hochzeit eingeladen zu werden, der sollte sie auch nutzen. Besonders schön ist es, wenn in den Kreis der engeren Familienmitglieder eingebunden wird und das ganze Prozedere um die Hochzeit herum, von der Einkleidung der Brautleute, dem Besuch der Brautläute in der künftigen Wohnung (zwischen der Trauung in der Kirche der Abendveranstaltung) und dann die Abendveranstaltung, bis die letzten Gäste gehen.

Auf Rhodos zum Beispiel kommt der Granatapfel beim Besuch der Brautläute in der künftigen Wohnung zu Einsatz. Die Brautmutter bereitet ein Netzt-Säckchen mit den Kernen des Granatapfels vor, das sie innerhalb der Eingangstür so positioniert, dass es mit einem Schritt zu treffen ist. Aufgabe des Bräutigams ist es jetzt mit seinem ersten Schritt in das Haus das Säcken zu treffen und möglichst perfekt zu zertreten.

Wie schon eingangs angedeutet, zieht der der Granatapfel schon über Jahrtausende hinweg seine Spur durch die Kulturgeschichte und „Eine kleine Kulturgeschichte des Granatapfels“ von Klaus Thiele-Dohrmann wurde am 22. Dezember 1999 veröffentlicht (siehe Quellenangabe ganz unten).

Was er soeben in einem Pariser Spezialitätengeschäft erstanden hatte, brachte nicht nur seinen Vitaminhaushalt auf Touren, sondern entzückte des Dichters Gaumen und Herz. Im Brief an seine Frau Clara schwärmte Rainer Maria Rilke von des Granatapfels „massiver Schwere“ und dem „umgebogenen Ornament des Blütenstempels“. Damals, im Herbst 1907, war die tizianrote Frucht in den nördlichen Ländern noch eine ausgesuchte Rarität. Inzwischen gehört der Exot ganz selbstverständlich zum winterlichen Angebot auf deutschen Wochenmärkten, leuchtet mal gelblich, mal rostrot, mal purpurfarben von den Verkaufstischen der südländischen Händler.

Rund, prall und schwer liegt die Frucht mit der kleinen Krone in unserer Hand. Aufgebrochen offenbart sie uns ihre ganze Sinnlichkeit: Dicht an dicht lagern die unzähligen rötlichen Fruchtkügelchen – jedes einen kleinen Samenkern enthaltend, von der benachbarten sorgsam durch ein dünnes weißes Häutchen getrennt. Und dieses überreiche, liebevoll ausgeklügelte Kammergehäuse wird gehütet von der lederzähen Schale. Ein perfektes System, um die Nachkommenschaft bis zur Reife zu schützen.

Im Diesseits des alten Rom versprachen sich junge verheiratete Frauen von ihm Mutterfreuden und promenierten mit kleinen Kränzen, die aus Zweigen des Granatapfelbaums geflochten waren. Auf die Fruchtbarkeit spielt auch die griechische Sitte an, Hochzeitspaare mit Granatapfelkernen zu bewerfen. Oder die Gepflogenheit, vor der Braut die reife Kugel auf den Boden plumpsen zu lassen, sodass sie beim Aufplatzen die Vielzahl ihrer Samen zeige.

Schon im Alten Testament war auf die Wirkung dieses reichlich Wasser und Zucker speichernden Lebensmittels Verlass. Wo es wuchs, war fruchtbare Scholle: Über den hebräischen Namen rimmon für den Granatapfel stolpert man öfter, wenn man in alten Ortsverzeichnissen blättert. Im Hohen Lied entfaltet der Granatapfel seine ganze erotische Qualität. Die aufspringenden Knospen künden von sich anbahnender Liebe. „Gleich dem Riss im Granatapfel schimmert deine Schläfe hinter deinem Schleier hervor“, begeistert sich der Balzende. Und das Mädchen will den Geliebten „tränken mit gewürztem Wein, mit dem Saft der Granaten“.

Berühmt gemacht hat den Granatapfel der griechische Mythos von Persephone. Die Tochter der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter wurde eines Tages vom Totengott Pluto in die Unterwelt verschleppt. Auf Befehl von Göttervater Zeus gab der Räuber das Mädchen zwar frei. Aber er band Persephone für immer an sich, indem er ihr Granatapfelkerne zu essen gab. Seitdem darf Persephone nur drei Viertel des Jahres auf der Erde verbringen. Während der Wintermonate harrt sie in der Totenwelt aus.

Selbst Julias „Nachtigall“ saß auf einem Granatapfelbaum

Persephones Granatapfel wurde ein beliebtes Thema für ungezählte Dichter. Goethe und Schiller bestaunten ihn, Oscar Wilde nannte eine Sammlung von Erzählungen Das Granatapfelhaus, und Edith Wharton schrieb einen Kriminalroman, der auf die verhängnisvollen Granatapfelkerne der Proserpina anspielt, der römischen Variante zu Persephone. Und natürlich saß die Lerche, die Shakespeares Julia nur zu gern für eine Nachtigall gehalten hätte, im Geäst eines Granatapfelbaums.

Und überall zog er Dichter, Botaniker, Teppichweber, Götter, Liebende oder Seidenmaler in seinen Bann. Fünftausend Jahre Mythos und Kunst – welches Obst könnte gehaltvoller sein als der Granatapfel, diese gekrönte Venusfrucht?

Quelle: (c) DIE ZEIT 1999 22. Dezember 1999

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